Friedenserziehung in der Praxis: Ein Gespräch mit Huso Razić aus Stolac, Bosnien und Herzegowina
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Wie sieht Friedenserziehung in einer Gemeinschaft aus, die Konflikte erlebt hat und weiterhin mit deren Folgen lebt?
Im Rahmen der Forschungsaktivitäten der Donau-Friedensprojekt, SPIN/Okret sprach mit Huso Razić, ein Schulpädagoge und stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums in Stolac, Bosnien und Herzegowina. Seine Erfahrung bietet eine wichtige praktische Perspektive auf Friedenserziehung, interkulturellen Dialog, die Beteiligung junger Menschen und die Herausforderungen beim Aufbau eines stärkeren sozialen Zusammenhalts in einer Nachkonfliktgesellschaft.
Über Huso Razić
Huso Razić ist ein Schulpädagoge, der in den letzten fünf Jahren als stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums in Stolac, einer Stadt im Süden von Bosnien und Herzegowina, tätig war.
In Stolac kam es in den 1990er Jahren zu erheblichen ethnischen Konflikten, insbesondere zwischen kroatischen und bosniakischen Gemeinschaften. Auch heute noch wird an der Schule mit zwei Lehrplänen unterrichtet, einem kroatischen und einem bosnischen, sodass die Schüler weiterhin nach ethnischen Kriterien getrennt werden können.
Nach einer Phase, in der es an der Schule zu Gewalt unter Gleichaltrigen und ethnischen Spannungen kam, wurden außerunterrichtliche Aktivitäten und pädagogische Workshops eingeführt, die sich mit Dialog, Frieden, Toleranz, Menschenrechten, Vorurteilen, Identität und Stereotypen befassten. Im Laufe der Jahre haben Schülerinnen und Schüler auch an Friedensprogrammen und internationalen Austauschprogrammen teilgenommen.
Heute organisiert Huso Workshops, Dialogrunden und integrative Aktivitäten für Schülerinnen und Schüler unabhängig vom jeweiligen Lehrplan und trägt so zum interkulturellen Verständnis und zu stärkeren Beziehungen innerhalb der Schule und der breiteren Gemeinschaft bei.
Wir sprachen mit ihm über die verbleibenden Herausforderungen, die Rolle von Bildung und Kultur und darüber, was nötig ist, um die Friedensarbeit in Bosnien und Herzegowina zu stärken.
Was sind einige der wichtigsten friedensbezogenen Herausforderungen, denen sich Ihre Gemeinde heute gegenübersieht?
Eine der größten Herausforderungen ist die anhaltende Präsenz spaltender politischer Narrative, insbesondere in Wahlkampfzeiten. Die öffentliche Debatte kreist oft um ethnische Spaltungen, Hassreden und Interpretationen der Kriege der 1990er-Jahre, anstatt sich auf konkrete Probleme des Alltagslebens zu konzentrieren.
Besonders junge Menschen sind betroffen, weil sie von polarisierenden Narrativen umgeben aufwachsen, die Einfluss darauf haben können, wie sie andere Gemeinschaften verstehen und wie sie die Zukunft von Bosnien und Herzegowina sehen.
Für einen dauerhaften Frieden muss der öffentliche Dialog ausgewogener und respektvoller werden. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist wichtig, sollte aber auf Fakten, Wahrheit und gegenseitigem Respekt basieren und nicht auf politischer Manipulation.
Junge Menschen sollten zudem ermutigt werden, kritisches Denken zu entwickeln, eigene Recherchen durchzuführen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Wenn junge Menschen lernen, selbstständig zu denken und sich konstruktiv in ihren Gemeinschaften zu engagieren, können sie zu einer wichtigen Kraft für den Frieden werden.
Welche Rolle können Kultur und kulturelles Erbe bei der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts spielen?
Kulturelles Erbe birgt ein erhebliches Potenzial für die Friedensförderung, da es etwas repräsentieren kann, das verschiedenen Gemeinschaften gemeinsam ist. Es kann eine Grundlage für Dialog, Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis bilden.
Gleichzeitig können kulturelles Erbe und historische Erzählungen auch so präsentiert werden, dass sie Spaltungen verstärken. Wenn Kulturstätten, Traditionen oder Teile der Geschichte als ausschließlich einer ethnischen Gruppe zugehörig behandelt werden, können Chancen verloren gehen, den gemeinsamen kulturellen Reichtum des Landes zu erkennen.
Auch das Bildungswesen steht vor ähnlichen Herausforderungen, insbesondere wenn Geschichte überwiegend aus unterschiedlichen nationalen Perspektiven präsentiert wird.
Bosnien und Herzegowina verfügt über ein außergewöhnlich reiches kulturelles Erbe und eine große Vielfalt. Diese sollten als Ressource für Begegnung und Austausch genutzt werden. Die Förderung eines gemeinsamen Erbes, des interkulturellen Dialogs, des Kulturtourismus und einer inklusiveren Geschichtsdarstellung kann nicht nur zur Friedenssicherung, sondern auch zu einem stärkeren sozialen Zusammenhalt und einer langfristigen Gemeindeentwicklung beitragen.
Wo sehen Sie Möglichkeiten für einen intensiveren Dialog zwischen den Generationen?
Die verschiedenen Generationen stehen zwar weiterhin über Familien, Gemeinschaftsveranstaltungen und kulturelle Traditionen in Kontakt, doch besteht aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Werte auch eine spürbare Kluft zwischen den jüngeren und älteren Generationen.
Eine wichtige Chance besteht darin, junge Menschen stärker in kommunale Entscheidungsprozesse einzubinden. Gleichzeitig könnten mehr generationsübergreifende Kultur- und Bildungsangebote Räume schaffen, in denen Jung und Alt voneinander lernen.
Solche Aktivitäten können dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis, die Gemeindeentwicklung und den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
Welche Friedensinitiativen haben Sie besonders beeindruckt?
Eine Initiative, die ich für besonders erfolgreich halte, ist die Friedensbildungs-Führungsprogramm, organisiert von der Folke Bernadotte Akademie zusammen mit lokalen Partnern in Mostar und Sanski Most.
Das Programm brachte Teilnehmende unterschiedlicher ethnischer Herkunft zusammen und schuf Möglichkeiten für Dialog, Lernen und Beziehungsaufbau. Zu den Aktivitäten gehörten pädagogische Workshops für Jugendliche und Studierende, die Auseinandersetzung mit Trauma und generationsübergreifendem Trauma, der Einsatz von Literatur zur Vernetzung von Gemeinschaften sowie Aktivitäten gegen Hassrede, schädliche Narrative und Fehlinformationen.
Erfahrungen wie diese zeigen, dass ein sinnvoller Dialog und direkte Interaktion Vorurteile abbauen und das Vertrauen stärken können.
Ähnliche Angebote sollten durch Schulen, Jugendprogramme, Seminare, Fortbildungen und Sommercamps ausgebaut werden. Bosnien und Herzegowina verfügt bereits über erfahrene Fachkräfte und viele positive Beispiele, die eine Grundlage für weitere Friedensarbeit bilden können.
Welche Art von Zusammenarbeit könnte die Friedenserziehung in Bosnien und Herzegowina und der gesamten Region stärken?
Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen, Universitäten, Jugendorganisationen, Kulturinstitutionen und lokalen Gemeinschaften ist sowohl in Bosnien und Herzegowina als auch im gesamten westlichen Balkan erforderlich.
Grenzüberschreitende Austauschprogramme, Workshops, Sommercamps, kulturelle Veranstaltungen und Jugendprojekte sind besonders wertvoll, weil sie den Menschen die Möglichkeit geben, sich direkt zu begegnen, Stereotypen zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen.
Pädagogen und Gemeindevertreter benötigen zudem Weiterbildungen in Bereichen wie Friedensförderung, interkultureller Dialog, Konflikttransformation, Medienkompetenz und traumapädagogische Ansätze. Der Zugang zu Bildungsressourcen, finanzielle Unterstützung und Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus anderen Gemeinschaften und Ländern sind ebenso wichtig.
Gerade in einem Umfeld, in dem spaltende Narrative weiterhin präsent sind, benötigen junge Menschen ausgeprägte Fähigkeiten zum kritischen Denken und sichere Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven respektvoll diskutiert werden können.
Können digitale Werkzeuge zur Friedenserziehung beitragen?
Digitale Werkzeuge können die Friedenserziehung sicherlich unterstützen, insbesondere indem sie das Auffinden von Informationen und Möglichkeiten erleichtern.
Eine interaktive Karte könnte beispielsweise dabei helfen, Friedensbildungsprogramme, Workshops, Jugendaustausche, Weiterbildungsangebote, Gemeindeinitiativen und Organisationen, die sich für Versöhnung einsetzen, zu entdecken. Sie könnte auch praktische Informationen über anstehende Aktivitäten und Möglichkeiten zur Beteiligung bieten.
Digitale Werkzeuge haben jedoch ihre Grenzen.
Sensible Themen wie Trauma, Versöhnung, Emotionen und die Aufarbeitung der Vergangenheit erfordern einen echten menschlichen Austausch. Digitale Plattformen können zwar Informationen bereitstellen und das Bewusstsein schärfen, aber sie können Vertrauensbildung, persönliche Gespräche und geschützte Räume, in denen Menschen ihre Erfahrungen offen teilen können, nicht ersetzen.
Aus diesem Grund sind digitale Ressourcen besonders wertvoll für Information, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit, während die tiefgreifendste Wirkung der Friedenserziehung nach wie vor durch gut moderierte menschliche Begegnungen erzielt wird.
Worauf sollte sich die zukünftige Friedenserziehung konzentrieren?
Für Huso verdienen mehrere Themen besondere Aufmerksamkeit: Aufarbeitung der Vergangenheit, Versöhnung, Empathie, interkultureller Dialog, kritisches Denken, Traumabewusstsein, psychische Gesundheit und friedliche Konfliktlösung.
Diese Themen sind nicht immer leicht anzusprechen, insbesondere in Gemeinschaften, in denen die Folgen von Konflikten noch Jahrzehnte später spürbar sind. Doch sie zu vermeiden, lässt die zugrunde liegenden Spaltungen nicht verschwinden.
Friedenserziehung kann zu einem längeren Heilungsprozess beitragen, indem sie Menschen hilft, unterschiedliche Erfahrungen zu verstehen, spaltende Narrative zu hinterfragen und gesündere Wege der Kommunikation und Konfliktlösung zu entwickeln.
Von lokalen Erfahrungen zu regionalen Erkenntnissen
Husos Erfahrungen in Stolac veranschaulichen eine der zentralen Ideen hinter DonaufriedenFriedenserziehung wird dann sinnvoll, wenn sie mit den gelebten Erfahrungen der Menschen und der Realität ihrer Gemeinschaften verbunden wird.
DANUBE PEACE ist eine Erasmus+ Kooperationspartnerschaft, die Organisationen aus Deutschland, Tschechien, der Ukraine, Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien zusammenbringt. Das Projekt stärkt Erwachsenenbildner, Kulturschaffende und Gemeinschaften durch inklusive und generationenübergreifende Friedensbildung.
Die von Praktikern und Gemeinschaften in den teilnehmenden Ländern gesammelten Erkenntnisse helfen der Partnerschaft, praxisnahe Bildungsressourcen zu entwickeln, die auf reale Herausforderungen in der Donauregion eingehen.
Durch Gespräche wie dieses dokumentieren wir nicht nur Herausforderungen. Wir identifizieren Erfahrungen, Praktiken und Perspektiven, die dazu beitragen können, stärkere Ansätze für Dialog, aktive Bürgerschaft und Friedenserziehung zu entwickeln.